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Asturien – mit dem eBike durch das Fürstentum zwischen Bergen und Atlantik

Der Atlantik ist nie weit. Mal liegt er tiefblau unterhalb der Straße, mal verschwindet er hinter einer grünen Hügelkuppe. Die Luft riecht nach Salz und feuchter Erde, Kühe grasen auf den Wiesen, irgendwo bimmelt eine Kuhglocke. Dann führt der Weg durch ein enges Tal, vorbei an alten Steinhäusern und kleinen Dörfern. Asturien, das grüne Fürstentum im Norden Spaniens, ist ein Land zwischen Meer und Bergen. Auf dem Fahrrad lässt sich dieser Wechsel besonders intensiv erleben. Dabei geht es keineswegs ständig bergauf. Entlang der Küste, durch Flusstäler und auf ehemaligen Bahntrassen gibt es überraschend viele entspannte Strecken. Und wenn es doch einmal steiler wird, hilft der Motor des eBikes, die Höhenmeter gelassen zu nehmen.

Tamara Revuelta Casanova (44) empfängt unsere kleine Gruppe. Sie begleitet uns auf den Sendas Verdes, den grünen Wegen Asturiens. Viele dieser Wege verlaufen auf ehemaligen Bahntrassen, entlang von Flüssen oder durch Täler. Unser Startpunkt liegt in Entrago, nahe San Martín. Nostalgie überkommt mich: Wir fahren dort, wo früher die Züge fuhren. Die Strecke folgt dem ehemaligen Verlauf einer schmalen Bahnlinie, die einst dem Transport von Kohle und Eisenerz aus den Bergbaugebieten diente. Heute radeln wir durch enge Schluchten, vorbei an Felswänden und hinein in beleuchtete Tunnel. Mal rauscht neben uns der Río Teverga, mal öffnet sich der Blick auf grüne Hänge und kleine Weiler. Schließlich erreichen wir den Embalse de Valdemurio. Das stille Wasser des Stausees liegt zwischen den bewaldeten Bergen und bildet einen überraschend ruhigen Kontrast zu den engen Schluchten, durch die wir zuvor gefahren sind.


Hier wird spürbar, wie eng in Asturien Vergangenheit und Wildnis beieinanderliegen. Die alte Bahntrasse erinnert an die industrielle Geschichte der Region. Und während wir am Wasser entlangfahren, wissen wir: Weiter oben in den Bergen lebt eine der letzten größeren Populationen wild lebender Braunbären Westeuropas. Mehrere hundert Tiere streifen durch das kantabrische Gebirge. Zu sehen bekommen wir allerdings keines. Dafür begegnen wir einer Bärin auf ganz andere Weise: Molina, die 2013 als verletztes Jungtier gefunden und später wieder ausgewildert wurde, hatte sich während ihrer Pflege zu sehr an den Menschen gewöhnt. Weil sie immer wieder die Nähe menschlicher Siedlungen suchte, wurde schließlich ein gesichertes großes Gehege bei Proaza zu ihrem neuen Zuhause. Unsere Route, die Senda del Oso – der Bärenweg, führt direkt daran vorbei. Und tatsächlich: Molina ist da: ein berührender Moment.


Am nächsten Tag begrüßt uns Xurde Llano Montes (40) von El Camin. Er bringt uns zum Ausgangspunkt Covadonga, einer der geschichtsträchtigsten Orte Asturiens. Über der Heiligen Grotte thront die Basilika Santa María la Real de Covadonga, gebaut aus rosafarbenem Kalkstein. Davor plätschert ein Wasserfall, in der Grotte wird die Jungfrau von Covadonga, die „Santina“, verehrt. Covadonga gilt als Ursprung der Geschichte des mittelalterlichen Königreichs Asturien. Der Überlieferung nach besiegte der asturische Anführer Pelayo hier im Jahr 722 die Truppen des muslimisch beherrschten Al-Andalus. Ob die überlieferte Schlacht tatsächlich in dieser Form stattfand, ist historisch nicht in allen Einzelheiten gesichert. Ihre Bedeutung für die asturische Geschichte und den späteren Mythos der Reconquista ist jedoch unbestritten.
Wir sind allerdings nicht gekommen, um lange in der Vergangenheit zu bleiben. Vor uns liegt die Straße zu den Lagos de Covadonga. Schon nach den ersten Kehren ist klar: Das wird heute kein gemütliches Dahinrollen. Die Straße zieht sich den Berg hinauf. Das Tal wird kleiner, die Kehren werden enger, der Motor unterstützt, während wir uns Meter für Meter nach oben arbeiten. Gelegentlich schaue ich auf den Tacho, auf den Akku und auf die nächste Kehre. Vielleicht auch ein bisschen sehnsüchtig nach oben. Jetzt verstehe ich, warum diese Straße unter Radsportlern so einen Klang hat. Die Auffahrt zu den Lagos de Covadonga gehört zu den legendären Anstiegen der Vuelta a España. Seit 1983 war sie immer wieder Schauplatz dramatischer Bergankünfte. Große Namen des Radsports haben hier um Sekunden und Minuten gekämpft. Auf rund 14 Kilometern sind mehr als 1.000 Höhenmeter zu bewältigen. Besonders berüchtigt ist La Huesera: Auf diesem Abschnitt erreicht die Steigung stellenweise rund 15 Prozent.



Für uns heißt das vor allem: weiterfahren. Das eBike nimmt den Beinen zwar einen Teil der Arbeit ab, aber es nimmt einem nicht das Gefühl für den Berg. Dann muss ich plötzlich doch anhalten. Nicht, weil der Anstieg es verlangt – sondern weil sich über uns etwas bewegt. Schatten gleiten über die Straße. Lautlos, immer wieder. Erst einer, dann zwei, schließlich mehrere. Ich blicke gen Himmel und entdecke Gänsegeier, die hoch über den Felsen ihre Kreise ziehen. Sie schlagen kaum mit den Flügeln, sondern lassen sich von der Thermik nach oben tragen. In Deutschland wären sie eine Rarität – hier gehören sie zum Bild der Berge. Sie brüten dort in Kolonien an den Felswänden und nutzen die starken Aufwinde.
Weiter geht’s. Irgendwann gibt der Wald den Blick frei. Die Berge stehen plötzlich ganz nah, die Straße verliert sich zwischen Felsen und Weiden. Und dann liegt er vor uns: der Lago Enol. Weiter oben wartet noch der kleinere Lago Ercina. Beide Seen liegen auf rund 1.100 Metern mitten im Nationalpark Picos de Europa. Und plötzlich wirkt der ganze Aufstieg logisch: Man fährt nicht einfach einen Berg hinauf. Man fährt hinein in eine Landschaft, die sich mit jedem Höhenmeter verändert. Und vielleicht ist das der eigentliche Reiz dieser Strecke: Unten in Covadonga beginnt sie als historische Reise – oben bei den Seen endet sie in einer fast überwältigenden Bergwelt.




Am nächsten Tag wechseln wir die Richtung – und damit auch die Landschaft. Wir parken in Nueva, nicht weit von La Cabana an der Atlantikküste, schwingen uns auf die eBikes und fahren nach Osten. Heute brauchen wir keine langen Anstiege. Saftige Wiesen reichen bis an die Klippen, dazwischen liegen kleine Buchten. Immer wieder öffnet sich der Blick auf das Meer. Wind im Gesicht, Meeresrauschen im Ohr – eine ganz andere Art des Radfahrens als am Vortag. Erst später fällt mir auf, dass wir uns auch auf den Spuren der Pilger bewegen. Der Camino del Norte, der Jakobsweg entlang der nordspanischen Küste, führt durch Nueva und weiter über Llanes in Richtung Ribadesella. Seit Jahrhunderten sind Menschen auf diesem Weg unterwegs nach Santiago de Compostela. Wir fahren in die entgegengesetzte Richtung. Trotzdem verändert der Gedanke den Blick auf die Landschaft. Die kleinen Wege, Dörfer und Kirchen sind nicht nur schöne Kulisse. Sie sind Teil einer jahrhundertealten Route.



Unsere letzte Radtour beginnt am Cabo Peñas, dem nördlichsten Punkt Asturiens. Hier zeigt sich die Küste noch einmal von ihrer rauen Seite: schroffe Klippen, tief unter uns der Atlantik, darüber ein weiter Himmel. Der Leuchtturm steht am äußersten Rand der Landzunge. Von hier folgen wir dem PR-AS 025, einem Küstenweg durch grünes Grasland und entlang der Klippen. Mal führt er dicht am Meer entlang, mal ein Stück ins Landesinnere. Wir fahren vorbei an kleinen Buchten und immer wieder an Stellen, an denen wir einfach anhalten müssen. Dann erreichen wir die Urbanización Los Cuetos. Vor uns liegt die Playa de Verdicio. Ein weiter Strand, eingerahmt von grünen Hügeln und Dünen. Im Sonnenlicht schimmert der Sand golden bis rötlich, fast kupferfarben. Nach den Felsen und der wilden Steilküste wirkt die Bucht beinahe sanft. Wir stellen die eBikes ab und gehen die letzten Meter zum Wasser zu Fuß. Der Atlantik rauscht, der Wind ist noch immer da. Nach den Bergen, den Tunneln, den Bären, den Geiern und den vielen Kilometern auf dem Rad fühlt sich dieser Strand wie ein Ziel an.
Kein Gipfel, keine Ziellinie, keine Medaille. Nur dieser Strand – und das Gefühl, Asturien einmal von seiner schönsten Seite erfahren zu haben: mit dem Meer neben uns und den Bergen irgendwo hinter uns. Vielleicht ist das die besondere Stärke dieses Fürstentums: Asturien muss nicht spektakulär sein. Es ist es einfach.



Susanne Reuter, September 2026 


TripTipps:

Infos zur Region. https://www.turismoasturias.es/de/
Bikeshop Senda del Oso en Bicicleta Asturias sendadelosoenbicicleta.com
Ganzjährig geöffnet, Nov bis März nur am Wochenende.  Tamara und Jose begleiten viele Routen.


Picos de Europe: Zahlreiche Wanderwege sowie eine Buslinie führen zu Lagos de Covadonga. https://www.spain.info/de/natur/nationalpark-picos-europa/

Hotel Villa Termal Las Caldas, Bikefriendly mit großem Keller für Servicearbeiten, Historischer Hotelkomplex mit Thermalbecken aus 1766, mit neuem Anbau und Restaurants  https://www.blaulascaldasvillatermal.com/

Beach Mirador de Silence: dramatischen Klippen, kristallklares Wasser in einer hufeisenförmigen Bucht
Codillero: malerisches Fischerdorf in einer Bucht mit urigem Restaurant Sidreria al Remo  https://sidreriaelremo.com/